DHA, Bd. 7/1, S.         
  Capitel I.
   
  J1Ich bin der höflichste Mensch von der Welt. Ich thue mir was darauf
  zu gute, niemals grob gewesen zu seyn auf dieser Erde, wo es so viele
5 unerträgliche Schlingel giebt, die sich zu einem hinsetzen und ihre
  Leiden erzählen oder gar ihre Verse deklamiren; mit wahrhaft christ-
  licher Geduld habe ich immer solche Misere ruhig angehört, ohne
  nur durch eine Miene zu verrathen, wie sehr sich meine Seele ennuy-
  irte. Gleich einem büßenden Braminen, der seinen Leib dem Unge-
10 ziefer Preis giebt, damit auch diese Gottesgeschöpfe sich sättigen,
  habe ich dem fatalsten Menschengeschmeiß oft tagelang Stand
  gehalten und ruhig zugehört, und meine inneren Seufzer vernahm
  nur Er, der die Tugend belohnt.
  Aber auch die Lebensklugheit gebietet uns höflich zu seyn, und
15 nicht verdrießlich zu schweigen, oder gar Verdrießliches zu erwie-
  dern, wenn irgend ein schwammiger Kommerzienrath oder dürrer
  Käsekrämer sich zu uns setzt, und ein allgemein europäisches
  Gespräch anfängt mit den Worten: »Es ist heute eine schöne Witte-
  rung.« Man kann nicht wissen, wie man mit einem solchen Philister
20 wieder zusammentrifft, und er kann es uns dann bitter eintränken,
  daß wir nicht höflich geantwortet: »Die Witterung ist sehr schön.«
  Es kann sich sogar fügen, lieber Leser, daß du zu Cassel an der Table
  d'Hôte neben besagtem Philister zu sitzen kömmst, und zwar an
  seine linke Seite, und er ist just der Mann, der die Schüssel mit brau-
25 nen Karpfen vor sich stehen hat und lustig austheilt; - hat er nun
  eine alte Pique auf dich, dann reicht er die Teller immer rechts
  herum, so daß auch nicht das kleinste Schwanzstückchen für dich
  übrig bleibt. Denn ach! du bist just der Dreyzehnte bey Tisch, wel-
  ches immer bedenklich ist, wenn man links neben dem Trancheur
30 sitzt, und die Teller rechts herumgereicht werden. Und keine Karp-
  fen bekommen, ist ein großes Uebel; nächst dem Verlust der Nazio-
  nalkokarde vielleicht das größte. Der Philister, der dir dieses Uebel
  bereitet, verhöhnt dich noch obendrein, und offerirt dir die Lorbee-
  ren, die in der braunen Sauce liegen geblieben; - ach! was helfen
35 einem alle Lorbeeren, wenn keine Karpfen dabey sind! - und der Phi-
  lister blinzelt dann mit den Aeuglein, und kichert und lispelt: Es ist
  heute eine schöne Witterung.
  Ach, liebe Seele, es kann sich sogar fügen, daß du auf irgend
  einem Kirchhofe neben diesem selben Philister zu liegen kömmst,
40 und hörst du dann am jüngsten Tage die Posaune erschallen und
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