DHA, Bd. 12/1, S.         
 
  stärker und bitterer die Farben aufgetragen, er hätte etwas DBerliner Blau
  hineingemischt, oder wenigstens etwas grüne Galle, und der Grundton
  der Persifflage wäre verfehlt worden.
  Damit mich dieses Bild nicht noch länger festhält, wende ich mich rasch
5 zu einem Gemälde, worauf der Name
    
   L e s s o r e 
   
10 zu lesen war, und das durch seine wunderbare Wahrheit und durch einen
  Luxus von Bescheidenheit und Einfachheit Jeden anzog. Man stutzte,
  wenn man vorbeyging. »Der kranke Bruder«, ist es im Katalog
  verzeichnet. In einer ärmlichen Dachstube, auf einem ärmlichen Bette,
  liegt ein siecher Knabe und schaut mit flehenden Augen nach einem
15 rohhölzernen Kruzifixe, das an der kahlen Wand befestigt ist. Zu seinen
  Füßen sitzt ein anderer Knabe, niedergeschlagenen Blicks, bekümmert
  und traurig. Sein kurzes Jäckchen und seine Höschen sind zwar reinlich,
  aber vielfältig geflickt und von ganz grobem Tuche. Die gelbe wollene
  Decke Dauf dem Bette, und weniger die Möbel als vielmehr der Mangel
20 derselben zeugen von banger Dürftigkeit. Dem Stoffe ganz anpassend ist
  die Behandlung. Diese erinnert zumeist an die Bettlerbilder des Morillo.
  Scharfgeschnittene Schatten, gewaltige, feste, ernste Striche, die Farben
  nicht geschwinde hingefegt, sondern ruhigkühn aufgelegt, sonderbar
  gedämpft und dennoch nicht trübe; den Charakter der ganzen Behand-
25 lung bezeichnet Shakespeare mit den Worten: the modesty of nature.
  Umgeben von brillanten Gemälden mit glänzenden Prachtrahmen, mußte
  dieses Stück um so mehr auffallen, da der Rahmen alt und von
  angeschwärztem Golde war, ganz übereinstimmend mit Stoff und
  Behandlung des Bildes. Solchermaßen konsequent in seiner ganzen
30 Erscheinung und kontrastirend mit seiner ganzen Umgebung, machte
  dieses Gemälde einen tiefen melancholischen Eindruck auf jeden
  Beschauer, und erfüllte die Seele mit jenem unnennbaren Mitleid, das uns
  zuweilen ergreift, Dwenn wir, aus dem erleuchteten Saal einer heitern
  Gesellschaft, plötzlich hinaustreten auf die dunkle Straße, und von einem
35 zerlumpten Mitgeschöpfe angeredet werden, das über Hunger und Kälte
  klagt. Dieses Bild sagt viel mit wenigen Strichen und noch viel mehr erregt
  es in unserer Seele.
 DHA, Bd. 12/1, S.