DHA, Bd. 12/1, S.         
 
  leben, kann die Regierung sie nicht durch eine plötzliche Ordonnanz
  vernichten. Man ist hier de facto seines Leibes und seines Eigenthums
  immer noch sicherer als im übrigen Europa, mit Ausnahme Englands und
  Hollands. Obgleich Kriegsgerichte instituirt sind, herrscht hier noch
5 immer mehr faktische Preßfreyheit, und die Journalisten schreiben hier
  über die Maaßregeln der Regierung noch immer viel freyer, als in
  manchen Staaten des Kontinents, wo die Preßfreyheit durch papierne
  Gesetze sankzionirt ist.
  Da die Post heute, Sonntag, schon diesen Mittag abgeht, kann ich über
10 heute nichts mittheilen. Auf die Journale muß ich bloß verweisen. Ihr Ton
  Dist weit wichtiger als das, was sie sagen. Uebrigens sind sie gewiß wieder
  voll von Lügen. – Seit frühestem Morgen wird unaufhörlich getrommelt.
  Es ist heute große Revue. Mein Bedienter sagt mir, daß die Boulevards,
  überhaupt die ganze Strecke von der Barrière du Trone bis an die Barrière
15 de l'Etoile, mit Linientruppen und Nazionalgarden bedeckt sind. Ludwig
  Philipp, der Vater des Vaterlandes, der Besieger der Catilinas vom 5. Jun.,
  Cicero zu Pferde, der Feind der Guillotine und des Papiergeldes, der
  Erhalter des Lebens und der Boutiquen, der Bürgerkönig wird sich in
  einigen Stunden seinem Volke zeigen; ein lautes Lebehoch wird ihn
20 begrüßen; er wird sehr gerührt seyn; er wird Vielen die Hand drücken,
  und die Polizey wird es an besonderen Sicherheitsmaaßregeln und an
  Extra-Enthusiasmus nicht fehlen lassen.
   
  JD Paris, 11. Juni.
25  
  Ein wunderschönes Wetter begünstigte die gestrige Heerschau. Auf den
  Boulevards, von der Barrière du Trone bis zur Barrière de l'Etoile standen
  vielleicht 50,000 Nazionalgarden und Linientruppen, und eine unzählige
  Menge von Zuschauern war auf den Beinen oder an den Fenstern,
30 neugierig erwartend, wie der König aussehen und das Volk ihn
  empfangen werde, nach so außerordentlichen Ereignissen. Um ein Uhr
  gelangten Se. Majestät mit Ihrem Generalstab in die Nähe der Porte-
  Saint-Denis, wo ich auf einer umgestürzten Therme stand, um genauer
  beobachten zu können. Der König ritt nicht in der Mitte, sondern an der
35 rechten Seite, wo Nazionalgarden standen, und den ganzen Weg entlang
  lag er seitwärts vom Pferde herabgebeugt, um überall den Nazionalgar-
  den die Hand zu drücken; als er zwey Stunden später desselben Wegs
  zurückkehrte, ritt er an der linken Seite, wo er dasselbe Manöuvre
  fortsetzte, Dso daß ich mich nicht wundern würde, wenn er, in Folge dieser
40 schiefen Haltung, heute die größten Brustschmerzen empfindet, oder sich
 DHA, Bd. 12/1, S.